Indie-Band Hyukoh aus Südkorea
© HYUKOH

Hyukoh – Die Antwort auf Südkorea’s überproduzierte K-Pop-Industrie

Seoul | Die vierköpfige Indie-Band Hyukoh bringt frischen Wind in die von K-Pop dominierte Musikszene Südkoreas.

In Südkorea war es eine ziemlich große Sache, als 2015 eine bisher weitgehend unbekannte Band quasi über Nacht die Charts stürmte und Blockbuster-Gruppen wie BIGBANG und Girls Generation hinter sich ließ. Die Charts des Landes werden üblicherweise von heimischen K-Pop-Acts dominiert. K-Pop (Abk. Für Korean Popular Music) ist in Asien omnipräsent, mittlerweile hat der Hype auch ein globales Ausmaß angenommen. Nicht nur landete die südkoreanische Boyband BTS mit ihrem Album Love Yourself: Tear den ersten Platz der US-Albumcharts. Sogar die Deutschlandkonzerte der Gruppe waren innerhalb von Minuten ausverkauft.

K-Pop ist zur Marke Südkoreas geworden

Musikalisch ist K-Pop ein bunter Mix aus verschiedenen Musikgenre mit eingängigen Melodien und perfekt in Szene gesetzten Stars, um die ein massiver Personenkult betrieben wird. Die drei größten Talentagenturen des Landes erwirtschaften Millionenbeträge und haben den nationalen Musikmarkt auf Platz 8 der Weltrangliste katapultiert. Spätestens nach Psy’s Gangnam Style ist K-Pop zu einer Marke für das wirtschaftlich aufstrebende Südkorea geworden und die Regierung fördert das Geschäft mit Steuergeldern.

Die Indie-Szene von Hongdae in Seoul

Dass Künstler, die nicht aus der geschliffenen K-Pop-Industrie stammen, an die Spitze der Charts klettern, ist selten. Es zeigt aber, dass Südkorea durchaus mehr zu bieten hat, als den massentauglichen Pop, der unsere musikalische Wahrnehmung des Landes dominiert. So existiert eine vielfältige koreanische Indie-Musik-Szene, die vor allem im Seouler Stadtteil Hongdae beheimatet ist. Hier gibt es nicht nur Live-Clubs und Bühnen, Hongdae ist auch Heimat jugendlicher Subkulturen und Schauplatz alternativer Kulturveranstaltungen.Indie-Band Hyukoh aus Südkorea

Der Überraschungserfolg von Hyukoh

Das bekannte Stadtviertel ist auch der Geburtsort von Hyukoh, einer vierköpfigen Indie-Rock-Band, die den Namen ihres Frontsängers Oh Hyuk trägt. Gemeinsam mit dem Bassisten Im Deong-geon, dem Gitarristen Lim Hyun-Jae und dem Drummer Lee In-woo gründete Gitarrist und Sänger Oh Hyuk 2014 die Band, die kurz darauf ihre Debütalbum 20 herausbrachte.

Eine Teilnahme beim Music Festival der berühmten Variety-Show Infinite Challenge machte die zunächst etwas zurückhaltenden und wortkargen Bandmitglieder 2015 quasi über Nacht zu Stars. 22, die zweite EP der Band, landete kurz darauf auf Platz 9 der koreanischen Charts. Die Single Comes and Goes erreichte YouTube-Klicks in Millionenhöhe und 22 schaffte es sogar auf Platz 4 der Billboard World Album Top Ten. Hyukoh waren der erste Act, der bei HIGHGRND, einem Independent-Label des Rappers Tablo unterschrieben. Im April 2017 brachte die Band ihr Debütalbum 23 heraus. Wie bei den EPs markiert der Albumtitel das Alter, in dem sich die Bandmitglieder zum Zeitpunkt der Aufnahmen befanden.

Ein frischer Wind in der überproduzierten K-Pop-Industrie

Der Sound der Band Hyukoh ist nicht einfach einem Genre zuzuordnen. Zahlreiche Einflüsse aus verschiedenen Epochen der Indie-, Pop- und Rockgeschichte kommen hier auf dynamische Weise zusammen. Das tragende Element ist die gefühlvolle und wunderbar raue Stimme von Frontmann Oh Hyuk. Dieser singt in einer Mischung aus überwiegend Koreanisch und Englisch. Mit ihrem Stil sind Hyukoh ein erfrischender Gegenpol zum massentauglichen Sound der K-Pop-Maschinerie.Indie-Band Hyukoh aus Südkorea

Die Anomalie in einer harten und unnachgiebigen Musikindustrie

Das zeigt sich auch in der Optik der Band. Keine bis zur vermeintlichen “Perfektion” operierten Gesichter, keine androgynen Outfits und wenig Superstar-Appeal. Verändern K-Pop- Stars mit jeder neuen Single und jedem Album ihren Look auf dramatische Weise, so bleiben die Jungs von Hyukoh ihrem authentischen und individuellen Stil treu. Ob japanische Streetwearbrands, zeitgemäße Arbeiterkluften oder vom Skatepunk inspirierte Mode. Die Bandmitglieder tragen, was sie wollen. In einer Musikbranche, in der wenig einflussreiche Plattenlabels die Homogenität von fertig geschliffenen Popsternchen zu wahren versuchen, ist das eine regelrechte Anomalie.

Dass die Band sich bestehenden Konventionen verweigert, spiegelt sich zum Teil auch in ihrer Musik wieder. Das Debütalbum 23 reflektiert u.a. die Probleme von Jugendlichen, die sich dem Konformitätsdruck der südkoreanischen Gesellschaft nicht beugen wollen. Zahlreiche Lyrics der Band widmen sich dem Heranwachsen, Ängsten und normalen Alltagsproblemen einer jugendlichen Generation.

Der immense Erfolg einer unabhängigen Indie-Band in einer labelgetriebenen Musikindustrie zeigt, dass es in Südkorea sehr wohl Platz gibt für Menschen, die ihre künstlerischen Freiheiten ausleben wollen. Man muss sie nur finden unter dem riesigen Schatten des allmächtigen K-Pop-Schirms.

Bildrechte: © Hyukoh

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