Selbstbewusster Indie-Rock aus China - The Hormones
Selbstbewusster Indie-Rock aus China - The Hormones

Selbstbewusster Indie-Rock aus China – The Hormones

Sie machen melodischen, experimentellen Indie Post-Punk, kommen aus China und sind eine reine Frauenband mit enormer Bühnenpräsenz. The Hormones sind der beste Beweis dafür, dass wir unsere musikalische Aufmerksamkeit zunehmend gen Reich der Mitte richten sollten.

Wer in Europa an chinesische Musik denkt, dem kommen oftmals fernöstliche Klassik und die berühmten Peking-Opern in den Sinn. Doch Musik aus China hat noch einiges mehr zu bieten. In vielen Teilen des Landes hat sich fernab der internationalen Aufmerksamkeit eine pulsierende Indie-Szene entwickelt.

Indie-Musik aus Chengdu, dem Mekka alternativer Musikkultur

So vor allem in Chengdu – dem Mekka alternativer Musikkultur. Chengdu ist nicht nur die Heimat des Großen Pandas und der gefeierten Trap-Crew The Higher Brothers. Auch The Hormones (荷尔蒙小姐) kommen aus Chengdu.

Hier studierten die Bandmitglieder gemeinsam am renommierten Sichuan Conservatory of Music klassische Komposition und gründeten 2013 ihre Band. Als frische Newcomer in Chinas Indie-Szene erspielten sich The Hormones 2014 eine erste Fanbase. Mit ihrer hypnotisch rockigen EP Elephant gingen sie auf ihre erste nationale Club-Tour durch China.

Zwischen Kommerz und musikalischer Selbstbestimmung – The Hormones erfinden sich neu

Ihren nationalen Durchbruch hatte die Band 2015, als sie an der populären TV-Castingshow Bands of China teilnahmen. Doch der kurze Moment des Ruhms sollte nicht lange anhalten. Es gab Unstimmigkeiten über die kommerzielle Ausrichtung und über musikalische Selbstbestimmung, die dazu führten, dass zwei Gründungsmitglieder ausstiegen.

Die verbliebenen Mitglieder wollten ihre Kreativität nicht um jeden Preis einschränken lassen und erfanden sich neu. Wang Jiao komplettierte das Quartett und man unterschrieb einen Vertrag beim Pekinger Label Fake Music Media (2016).Selbstbewusster Indie-Rock aus China - The Hormones

Heute bestehen The Hormones aus Zhu Mengdie (Gesang), Wang Minhui (Bass), Zhou Jian (Drums) und Wang Jiao (Gitarre). 2018 veröffentlichte die Band das von Kritikern gefeierte Album Beckon. Das Album klingt musikalisch ausgereifter als der vorherige Sound. Neben gitarrengetriebenen, experimentellen Rocksongs sind auch viele elektronische Klänge zu hören. Der Gesang ist mal düster, mal melancholisch, aber immer kraftvoll. In ihren Texten reflektieren The Hormones ihre bewegte Band-Geschichte, die urbane Topographie ihrer Heimatstadt Chengdu, sowie Themen der jungen Generation im modernen Reich der Mitte.

Ihren eigenen Sound beschreibt die Band als Mischung aus Indie, Punkrock und elektronischer Musik. Musikalische Einflüsse reichen von Patti Smith und Björk über Joy Division bis hin zu PJ Harvey. Auf Beckon ist auch ein Cover von PJ Harvey’s Down by the Water (1995) zu hören.

Ihren mitreißenden Sound und ihre enorme Bühnenpräsenz konnten The Hormones 2019 erstmals einem internationalen Publikum vorstellen. Im Rahmen ihrer Europatour spielte die Band auch auf dem Hamburger Reeperbahnfestival, wo sie es beim Anchor Award sogar in die Endrunde der besten sechs Nominierten schaffte.

Wir hatten die Ehre, The Hormones in Hamburg zu einem kurzen Gespräch zu treffen. Was die Band für Eindrücke von Deutschland hatte, was sie inspiriert und wie sie in die Zukunft blickt, lest ihr in unserem Interview.

Liebe Band, ihr seid zum ersten Mal in Europa auf Tour. Wie gefällt es euch in Deutschland und noch wichtiger – was haltet ihr vom deutschen Essen?

Dies ist unsere erste Europa-Tour und wir sind glücklich darüber, unsere Musik einem internationalen Publikum vorzustellen. Unser erster Eindruck von Deutschland ist insgesamt sehr positiv. Als wir beispielsweise in Freiburg aus dem Zug stiegen, kam ein junger Mann auf uns zu und fragte: “Seid ihr The Hormones? Ich freue mich auf euer Konzert heute Abend.” Diese zufällige Bewegung hat uns wirklich sehr berührt.

Bei unserer Show in Berlin kamen überraschenderweise sehr viele Menschen. Es war unser sechster Auftritt in Folge und obwohl wir sehr müde waren, hatten wir dort einen sehr erfolgreichen Gig. Besonders in Erinnerung geblieben ist uns natürlich das deutsche Bier. Lol. Deutsche Wurst und Schweinebraten sind ebenfalls super lecker.Selbstbewusster Indie-Rock aus China - The Hormones

Wie würdet ihr euren eigenen Sound beschreiben?

Unser Sound wird von vier unterschiedlichen, weiblichen Individuen geprägt. Auf unseren Konzerten vermitteln wir unserem Publikum ein mitunter fremdes, aber auch neuartiges Gefühl. Das bedeutet, unsere Musik ist tanzbar, kurzweilig und gleichzeitig voller Traurigkeit. Diese uneindeutigen Emotionen wollen wir mit unseren Songs erzeugen. Der Dark Dance, wie wir es nennen, fühlt sich für uns an wie das Leben vieler Menschen in der heutigen Zeit. Tanzen ist die dabei Quelle des Lebens. Wir denken, dass jeder Mensch auch eine Art von Traurigkeit beim Tanzen verspürt.

Was inspiriert euer Songwriting?

Uns inspirieren unterschiedliche Emotionen, Erfahrungen und Menschen, die wir im Alltag erleben. Um ein Beispiel zu nennen: vor einiger Zeit haben wir über junge Menschen gesprochen, die im Zeitalter des Internets nach öffentlicher Aufmerksamkeit streben und gleichzeitig die meiste Zeit allein in ihren eigenen Wänden verbringen. Diese Art von Ambivalenz interessiert und inspiriert uns beim Schreiben von Songs. Unser kreativer Prozess beim Songwriting hat verschiedene Ansätze. Einerseits entstehen Ideen für Melodien und Songs bei der Arbeit mit digitalen Medien. Andererseits entwickeln wir neue Ideen und Songs, wenn wir uns zu gemeinsamen Jamsessions verabreden.

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Ihr habt euch während des Studiums in Chengdu kennengelernt. Die Stadt ist für ihre alternative Musikkultur bekannt. Könnt ihr uns mehr über Chengdu erzählen?

Das Besondere an Chengdu ist das relativ relaxte und entspannte Leben der Menschen hier. Die Lebenshaltungskosten sind sehr günstig und es herrscht nicht so ein großer Leistungsdruck, wie in anderen Großstädten. Chengdu ist außerdem bekannt für gute und scharfe Küche. Dementsprechend treffen sich die Menschen oft zum gemeinsamen Essen und diskutieren ausführlich über Musik und ihren Alltag hier. Für Künstler wie uns ist Chengdu ein toller Ort, denn die hier lebenden Menschen sind sehr offen und haben ein hohes Maß an Akzeptanz für neue, alternative Lebensformen und Ansichten. Für das künstlerische Schaffen bietet diese Stadt ein perfektes Umfeld.Selbstbewusster Indie-Rock aus China - The Hormones

Wir möchten mehr über die chinesische Underground-Szene erfahren. Könnt ihr uns einige Bands empfehlen?

Hiperson(海朋森)GongGongGong(工工工) und Earsnail(耳蜗

Was steht bei euch in Zukunft an? Irgendwelche neuen Projekte oder Releases, die ihr mit uns teilen könnt?

Wir hoffen, dass wir dieses Jahr noch die restliche Zeit nutzen können, um neue Songs zu arrangieren. Die möchten wir natürlich so schnell wie möglich aufzunehmen damit wir unseren kontinuierlichen, kreativen Output aufrechterhalten. Wenn alles so gut läuft wie erhofft, werden wir im nächsten Jahr neue Songs veröffentlichen.

Vielen Dank für das Interview!

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Das Interview mit The Hormones ist mit freundlicher Unterstützung von Stefanie Thiedig entstanden. Als studierte Sinologin, Autorin und freiberufliche Kulturvermittlerin betreut sie verschiedene Foto-, Film und Kunstprojekte. Seit 2009 teilt Stefanie auf ihrer Webseite Kulturgut-China wertvolle Einblicke in ihre Arbeit und ihr Leben zwischen China und Deutschland.

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