DIY auf den Punkt gebracht
Musiker Yeo im Interview

Yeo – DIY auf den Punkt gebracht

Der australische Musiker im Interview

Multi-Instrumentalist, Produzent und Sänger Yeo gehört zu den interessantesten Künstlern der australischen Musikszene. Mit seinem neuen Album Recovery Channel hat er ein musikalisch ausgereiftes Werk auf den Markt gebracht.

Mit xPlicitAsia redet der Selfmade-Musiker über sein neues Album, ständige Selbstzweifel als Künstler, seine musikalischen Einflüsse, die asiatische Diaspora und seine Zukunftspläne.

Unser Gespräch mit dem australischen Ausnahmekünstler Yeo über 10 Zeitzonen hinweg beginnt unbeschwert. Zwei Tage vor Veröffentlichung seines neuen Albums Recovery Channel wirkt das musikalische Multitalent mit malaiisch-chinesischen Wurzeln sichtlich entspannt. Das mag daran liegen, dass es sich bereits um sein 7. Album handelt. Mit knapp 15 Jahren Erfahrung gilt der bescheidene und überaus sympathische 33-jährige schon als Veteran der australischen Indie-Musikszene. Nach bereits drei Single-Auskopplungen in 2019 ist ist der Musiker und Produzent sein Release ganz bewusst langsam, ohne großen Presserummel und Tour-Ankündigung, angegangen.

Recovery Channel – Ein musikalischer Höhepunkt

Gleichwohl handelt es sich bei Recovery Channel um das wohl persönlichste Album seiner Musikkarriere. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben Yeo, beruflich wie auch privat, für Themen wie Konflikte, Zugehörigkeit und Ausgrenzung sensibilisiert. Aus einer schweren Lebenskrise heraus entstanden, klingen die 8 Tracks ausgereift und fügen sich harmonisch zu einem Gesamtbild zusammen. Eingebettet in sanfte R’n’B-Beats, schafft es Yeo leidvolle Erlebnisse in intelligente und raffinierte Lyrics zu verwandeln und damit Hoffnung und Zuversicht zu vermitteln.

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„Die Kraft, die mich antreibt“

Ganz unverblümt spricht Yeo über seine Unsicherheiten als Selfmade-Musiker. Die Zweifel, nur mittelmäßig zu sein, kennt wahrscheinlich jeder Künstler. Es erfordert Durchhaltevermögen, sich dem Druck kommerzieller Erfolge im Musik-Business zu entziehen und sich unabhängig von großen Labels zu entwickeln.

„Ich hab in den letzten Jahren wirklich schon viele Jobs nebenbei gemacht. Mich ständig gefragt ob das überhaupt klappt mit der Musik. Oder ob ich mir nicht lieber einen ganz normalen Job suchen sollte.“

Jedoch wird dem sympathischen Künstler, der übrigens so gut wie alle Instrumente selber einspielt, immer wieder klar, dass Musik seine Berufung ist.

„Ich kann es nicht anders erklären. Musik ist so etwas wie eine natürliche Kraft, die mich nicht loslässt. Selbst wenn die Musik mir irgendwann keinerlei Einkommen mehr beschert, gehört sie zu meinem Leben. Dafür liebe ich Musik einfach zu sehr.“

Yeo australian-malaysian musician
©Yeo (Official Facebook)

Frei von Genre-Grenzen

Auf die Frage nach seinen musikalischen Einflüssen sind Yeo’s Antworten genauso divers wie seine eigene musikalische Vergangenheit. Quälte er sich als Kind asiatischer Eltern noch durch den klassischen Klavierunterricht, schulten Jazzmusiker, wie Herbie Hancock und Oscar Peterson sein musikalisches Gehör. Mit stets offenen Ohren saugte Yeo von Indie, Punkrock, Country, Pop bis hin zu Electronic, Soul und Hip Hop alles auf.

„Im Grunde genommen gab es für jede Art von Musikgenre eine passende Phase in meinem Leben. Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Genres sehe ich als Teil meiner musikalischen Ausbildung. Somit finden sich all diese Stilrichtungen irgendwann in meiner Musik wieder.“

Über die Musik von Pharrell Williams und Timbaland erkannte Yeo, dass man auch aus dem Hintergrund heraus als Produzent erfolgreich sein kann. So folgte ein Studium der Musiktechnologie, in dem er sich das Handwerk der Produktion aneignete. Seine Leidenschaft für Soul und R’n’B, geprägt durch Künstler wie Stevie Wonder und D’Angelo, hat Yeo nie verloren.

„Während der intensiven Zeit, in der Recovery Channel entstand, passte der R’n’B-Sound sich ganz natürlich an meine damalige Gefühlslage an. Es war alles irgendwie stimmig und fühlte sich richtig an. Die letzten 2 Jahre sind viele Dinge in meinem Leben passiert. Ich hatte Zeit viel über mich und meine Ziele als Musiker und Privatperson nachzudenken und zu reflektieren.“

Die heilende Wirkung der Musik

Die Arbeit an Recovery Channel war für Yeo dementsprechend wie eine Therapie. Nach einer schweren Rückenverletzung kam der mentale Rückschlag, indem er über den Verlust seines Vaters hinweg kommen musste. Sowohl körperlich als auch geistig spiegeln die Tracks auf Recovery Channel eine Phase seines Lebens wider, in der er sich gewissermassen aus der Tiefe zurück kämpfen musste.

DIY auf den Punkt gebracht
©Yeo (Official Facebook)

Das Gefühl, ausgebrannt zu sein, seinen eigenen Erwartungen nicht gerecht zu werden –  damit können sich heutzutage viele Menschen identifizieren. Wenn es um seine Arbeit geht – gesteht der bodenständige Künstler-, akribisch und perfektionistisch veranlagt zu sein.

„Ich bin ein richtiger Overthinker. Die Entscheidung, meine Musik auf eigene Faust herauszubringen, ist Fluch und Segen zugleich.“

Nichtsdestotrotz möchte der umtriebige Künstler die Freiheit, die er durch seine starke DIY-Mentalität genießt, nicht missen. Durchweg positiv liest sich das Feedback zu den bereits veröffentlichten Songs The comments, Restless und dem Duett By myself feat. Charlie Lim. Aus einer Phase der Verletzlichkeit kreative Kraft zu schöpfen, um anschließend als gereifterer Musiker dazustehen. Für einen Künstler wie Yeo gibt es wohl kein größeres Kompliment.

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Alte Strukturen aufbrechen

Als Kind asiatischer Eltern in einer überwiegend weißen Gesellschaft in Australien aufzuwachsen, hat Yeo für viele Themen wachsamer gemacht. Folglich sind soziale Probleme wie die Ausgrenzung von People of Colour, Rassismus und Online-Hass nur einige Beispiele, die er auf seinem neuesten Werk anspricht.

„Ehrlich gesagt war ich mir lange Zeit nicht bewusst darüber, warum man so selten Künstler anderer Hautfarben in Australien sieht. Irgendwann verstand ich ‚Oh, es liegt daran, dass wir anders aussehen und nicht in eure vorgefertigten Muster passen“

Für Yeo sind das alte Strukturen, an denen die westliche Welt festhält. Umso wichtiger für den vielseitigen Künstler, sich mit Menschen zu umgeben, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. In einer Community zu leben, in der viele einen Migrationshintergrund haben, gab und gibt ihm den nötigen Halt.

„Über den Punkt, wo ich Leute überzeugen will, die mich aufgrund der Herkunft meiner Eltern oder Hautfarbe nicht akzeptieren, bin ich hinaus.“

Über die Relevanz asiatischer Repräsentation

In Yeo’s Kindheit und Jugend waren asiatische Vorbilder rar. Der internationale Erfolg von K-Pop und Künstlerkollektiven wie 88rising scheinen ein Wendepunkt hinsichtlich asiatischer Repräsentation zu sein. Eine Welle talentierter Musiker aus Ländern wie China, Thailand oder Singapur ist auf dem internationalen Vormarsch. Man merkt Yeo die Begeisterung an. Auf die Frage, mit welchen Künstlern er gerne zusammenarbeiten möchte, nennt er die südkoreanischen R’n’B-Sänger Crush und Dean. Auch von der thailändischen Sängerin Pyra schwärmt er.

„Ich denke das ist erst der Anfang. Für die nächste Zeit möchte ich meinen Fokus stärker Richtung Asien richten. In Asien zu touren, lokale Szenen zu erkunden und andere Musiker zu treffen, würde mir unglaublich Spaß bringen.“

Blick nach Asien

Eine Tour durch asiatische Länder wäre für Yeo nicht nur für seine musikalische Entwicklung ein großer Antrieb. Darüber hinaus, wäre es für ihn eine tolle Gelegenheit, sich intensiver mit seinen asiatischen Wurzeln zu verbinden. Für dieses Jahr sind noch 2 bis 3 große Projekte geplant. Gemeinsam mit seinem langjährigen Wegbegleiter Charlie Lim aus Singapur arbeitet er z.B. an einem Mixtape.

Stillstand war für den ehrgeizigen Künstler nie eine Option. Wir sind uns sicher, dass Yeo’s Talent – gepaart mit grenzenloser Offenheit für neue Erfahrungen – ihm auch in Zukunft viele weitere Türen öffnen wird.

 

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