Roamcouch: Von romantischen Murals und filigraner Stencilkunst

Streetart aus Japan

Ryo Ogawa aka Roamcouch aus Gifu gehört zu den bekanntesten Vertretern der Streetart- und Graffiti-Szene in Japan. Zu seinem Repertoire gehören u.a. eindrucksvolle Stencilarbeiten und die kunstvolle Verschmelzung japanischer Malerei mit modernen Einflüssen. Im Interview erfahrt ihr mehr über den Künstler, seinen Stil und seine künstlerische Inspiration.

Die im Zentrum von Japan gelegene Präfektur Gifu gehört nicht gerade zu den meist bereisten Regionen Japans. Trotz beeindruckender Naturlandschaften und vielen traditionellen Dörfern gehört Gifu nicht zu den klassischen Reisezielen vieler Japanreisender. Wie viele andere ländliche Regionen hat die Präfektur mit zunehmender Landflucht, Überalterung und wirtschaftlicher Verödung zu kämpfen. Viele junge Leute beklagen das Fehlen wirtschaftlicher Perspektiven und fliehen in Metropolregionen wie Tokyo. Obgleich im ländlichen Raum die urbane Dichte fehlt, so gibt es dennoch Künstler, die ihrer Region treu bleiben, das Potential ihrer Heimat erkennen und nutzen. Einer davon ist Graffiti- und Streetart-Künstler Roamcouch, der mit bürgerlichem Namen Ryo Ogawa heißt.

Roamcouch ist 1976 in Gifu geboren und seinem Heimatort bis heute treu geblieben. Nach der Schule arbeitete er zunächst als Grafikdesigner für ein japanisches Unternehmen. Eine schwere Krankheit veranlasste den jungen Mann, sein Leben und seine Karriere zu überdenken und so widmete er sich nach seiner Genesung ausschließlich der Kunst.

Roamcouch definiert die Stencilkunst neu

Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine Qualität und einen Grad an Komplexität aus, der seinesgleichen sucht. Für seine Werke greift Roamcouch auf eine Palette von bis zu 50 Farben zurück und erstellt für jede einzelne Farbe eine Schicht, die er sorgsam per Hand schneidet. Das Ergebnis sind u.a. romantische, fotorealistische Stadtlandschaften, die phantasievolle Alternativen zur Realität darstellen. Diese detaillierten Schablonenbilder haben dem Japaner schnell zu weltweiter Popularität verholfen. Nach Ausstellungen in u.a. den USA, England und Malaysia eröffnete er 2014 seine erste Solo-Ausstellung mit dem Namen A Beautiful Life in New York.

Streetart aus Japan: Roamcouch im Interview
© Roamcouch

„Neo Ukiyo-e“ – Die moderne Wiederbelebung klassisch japanischer Kunst

Seine Inspiration findet Roamcouch unter anderem in der klassischen japanischen Malerei, insbesondere im Ukiyo-e (japanisch 浮世絵, etwa „Bilder der fließenden Welt“), einem bestimmten Genre der japanischen Malerei und Druckgrafik. Dabei entwirft er seine Schablonen auf  Mino Washi – traditionellem japanischen Papier. Diesen Stil bezeichnet der Künstler als „Neo Ukiyo-e“, eine moderne Form des weltweit bekanntesten Genre japanischer Kunst.

Streetart aus Japan: Roamcouch im Interview
© Roamcouch

Kunst im öffentlichen Raum als Mittel zur Revitalisierung von ländlichen Regionen

Roamcouch gehört zu den Künstlern, die ihr künstlerisches Potenzial gezielt einsetzen, um zu einer Verbesserung ihrer Umgebung beizutragen. Mit seinen Werken ist der Japaner essentiell daran beteiligt, die Wiederbelebung von ländlichen Regionen und Gemeinschaften voranzutreiben. 2014 startete er zu diesem Zweck das Emotional Bridge Project, um seine Heimatstadt durch öffentliche Kunst zu revitalisieren. In Absprache mit Gebäudebesitzern entwarf Roamcouch riesige Wandbilder, um mehr Reisende anzulocken und auf seine Kunst aufmerksam zu machen.

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Durch die ländliche Umgebung bekommen diese Bilder eine völlig andere Wirkung als in städtischer Kulisse. Seine Murals reihen sich harmonisch in ihr ländliches Umfeld ein und wirken gleichzeitig wie Werke aus einer anderen, fremden Welt.

Streetart für Kinder und Jugendliche

Mit Projekten wie dem Emotional Bridge Project verfolgt Roamcouch aber auch andere Ziele: die lokale Bevölkerung – insbesondere die Kinder – sollen verstärkt mit Kunst in Berührung kommen. Auf dem Land (jap. Inaka) gibt es für die Bevölkerung wenig Möglichkeiten, Kunst im öffentlichen Raum zu erleben und schätzen zu lernen.

Streetart aus Japan: Roamcouch im Interview
© Roamcouch

So arbeitete Roamcouch beispielsweise an Schulen, wo Kinder und Jugendliche ihm jederzeit bei der Arbeit zuschauen konnten. Für die meisten von ihnen war es das erste Mal, dass sie kreative Prozesse und die Arbeiten eines Künstlers aus nächster Nähe erleben durften. Ein Erlebnis, das sehr prägend sein kann für das künstlerische Interesse.

Im Interview erfahrt ihr mehr über Roamcouch, seinen Stil und seine künstlerische Inspiration.

Ryo, erzähl uns etwas von dir. Wer bist du und was kannst du uns über deine Arbeit erzählen?

Hallo zusammen. Ich bin Roamcouch, ein Ukiyo-e und Streetart-Künstler aus Japan.

Vor deinem künstlerischen Wirken hast du als Grafikdesigner gearbeitet. Wie und wann bist du zu Streetart gekommen?

Nach meinem Abitur habe ich zunächst angefangen, in einer gewöhnlichen japanischen Firma als Grafikdesigner zu arbeiten. Leider bin ich nach einiger Zeit sehr schwer erkrankt. Ich wusste, dass ich so nicht weitermachen konnte und eine Entscheidung musste her. Andernfalls hätten mich meine Depressionen und mein seelisches Leiden vermutlich von innen aufgefressen. Meine Frau schlug mir vor, meine Kunst auf die Straße zu bringen. Ohne sie hätte ich diese Entscheidung vermutlich gar nicht alleine treffen können.

Du bringst Stencils (Schablonen) mit traditionell japanischen Farbholzschnitten zusammen und hast dadurch deinen eigenen „Neo Ukiyo-e Stil“ entwickelt. Was fasziniert dich an dieser Kunstform und wie bist du auf die Idee gekommen, Ukiyo-e und Streetart miteinander zu verschmelzen? (Anmerkung der Redaktion: Ukiyo-e (japanisch 浮世絵, etwa „Bilder der fließenden Welt“ ist ein bestimmtes Genre der japanischen Kunst)

Die klassische japanische Kunst hat mich schon als Kind fasziniert. Insbesondere Künstler wie Tawaraya Soutatsu und Hokusai sind allgegenwärtig in Japan. In meinen Augen ist ihre Kunst perfekt und vollkommen. Deshalb konnte und wollte ich nicht in ihre viel zu großen Fußstapfen treten. Als ich dann mit Streetart anfing, wurde mir allmählich klar, dass sich beide Elemente ganz natürlich zusammenschlossen. Und mit der Zeit hat sich so nach und nach mein eigener Stil entwickelt.

Gibt es eine Botschaft, die du mit dieser Fusion vermitteln möchtest und inwiefern denkst du, repräsentiert diese Mischung deine eigene Persönlichkeit?

Ich bin der Meinung, dass das Prinzip von Gegensätzen ein wichtiger Schlüssel zu meinen Arbeiten ist. Widersprüchliche Dinge stoßen sich gegenseitig ab, aber sie wecken das Interesse der Menschen. Diese Neugierde liegt in der Natur des Menschen und Kunst befriedigt dieses Bedürfnis.

Ukiyo-e ist eine sehr zarte Kunst. Tinte und Papier sind weit entfernt von derben Sprayfarben, die man auf der Straße benutzt. Diese Gegensätzlichkeiten sind der Grund, warum ich daran interessiert war, diese beiden Elemente zu verbinden. Allerdings war ich nie daran interessiert, die Weltsicht von Soutatsu oder Hokusai zu vermitteln. Aufgrund dessen habe kann man meinen Stil als „Neo Ukiyo-e“ bezeichnen.

Jede einzelne Schicht deiner Schablonen ist von Hand gezeichnet und geschnitten. Die Art und Weise, wie du deine Werke produzierst, kann für sich alleine schon als Kunstwerk bezeichnet werden. Was hat diese Technik inspiriert und wie hast du sie entwickelt?

Das sind die uralten, japanischen Techniken des Hanga (Druckgraphik) und des Ukiyo-e. Die  Art und Weise, wie ich meine Stencils produziere, unterscheidet sich nicht wesentlich von der Arbeit japanischer Kunsthandwerker. Alles handgemacht und mit großer Sorgfalt entworfen. Ich glaube, das ist etwas, worin die meisten älteren Japaner sehr gut sind.

Kinder, Sterne und surreale, romantische Stadtlandschaften sind wiederkehrende Themen in einigen deiner Arbeiten. Was verbindet dich mit diesen Motiven?

Ich versuche damit, bestimmte Emotionen und Freuden einzufangen, die man als Kind verspürt hat. Aus einer kindlichen Perspektive erscheint alles viel bunter. So wie 7-farbige Sterne und leuchtende Regenbögen. Diese Spielereien stehen im Widerspruch zu meinen detaillierten Stencils. Ich glaube nicht, dass viele Leute sich für Werke interessieren, die konsistent sind.

Mit deinen eindrucksvollen Wandprojekten trägst du zum Erfolg der Revitalisierung von ländlichen Regionen in Japan bei. Kannst du uns mehr über diese Projekte erzählen und wie hast du es geschafft, mit den lokalen Kommunen zusammenzuarbeiten?

Ich bin auf dem Land geboren, daher hat Kunst in meiner Kindheit nie eine große Rolle gespielt. Ich hatte darüber kein Wissen. Dass Kinder möglichst früh mit Kunst in Berührung kommen, ist daher mein größter Wunsch.

Menschen, die sich mit Kreativität und Kunst auseinandersetzen, wissen, dass Kunst zur Verbesserung des öffentlichen Lebens beitragen kann. Dies führt automatisch zu einer regionalen Revitalisierung.

Streetart aus Japan: Roamcouch im Interview
© Roamcouch

Die Landflucht und das Aussterben von ländlichen Gemeinden gilt als eines der schwerwiegendsten Probleme, mit denen Japan gegenwärtig konfrontiert ist. Glaubst du, dass Kunst zur Überwindung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Probleme beitragen kann? Was ist deiner Meinung nach die Rolle der Straßenkünstler in der Gesellschaft?

Wenn du nicht gerade ein Künstler mit Erfolg und großer Reichweite bist, dann stehst du noch am Anfang. Hier auf dem Land gibt es wenig Möglichkeiten und Inspiration. Daher müssen viele junge Menschen in die Städte fliehen, um eben dies alles zu suchen. Genauer gesagt, auf dem Land gibt es noch zu wenig Chancen und Möglichkeiten. Ich denke es liegt an mir, zu einer Veränderung beizutragen.

Was kannst du uns über den aktuellen Stand der Kreativszene und über die gesellschaftliche Wahrnehmung von Streetart in Japan sagen?

Ich habe das Gefühl, dass Streetart in Japan noch am Anfang steht und nicht sehr weit verbreitet ist. Die Menschen hier beginnen erst langsam zu realisieren, welche Möglichkeiten diese Kunstform bietet. Häufig ist die Anerkennung allerdings noch mit falschen Wahrnehmungen und Vorurteilen verbunden.

Gibt es Künstler – egal aus welchem Genre -, die deine Kunst und Kreativität inspirieren?

Die drei japanischen Maler Tawaraya Soutatsu, Tatsushika Hokusai und Hasegawa Touhaku. Edward Hopper und Vincent van Gogh, sowie US-Künstler und Designer KAWS. Auch die Graffiti-Artists Stash und Nick Walker, Stencil-Künstler Dolk und der zeitgenössische US-Künstler Logan Hicks inspirieren mich.

Was steht bei dir in naher Zukunft an?

Derzeit plane ich viele unterschiedliche Projekte. Meine oberste Priorität ist die regionale Revitalisierung und der Wiederaufbau von ländlichen Gemeinden. Im Frühsommer 2020 veranstalte ich gemeinsam mit meinen guten Freund Penny (@onepennypiece) in Tokyo eine Ausstellung.

Zu guter Letzt würden wir uns freuen, wenn du uns ein paar sogenannte Quick Fire Questions beantworten könntest.

Wo bist du am Liebsten?

Zuhause bei meiner Familie

Nenne uns einen Künstler, mit dem du gerne zusammenarbeiten möchtest?

Josh Keyes

Was ist dein Lieblingsessen aus deiner Heimat?

Reis und Misosuppe natürlich!

Kannst du uns einige deiner Lieblingsfilme aus Japan empfehlen?

Sonatine von Takeshi Kitano, der Animationsfilm Nausicaä aus dem Studio Ghibli, The Yakuza Papers, GONIN und Kiga Kaikyo

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